Nachgedacht


Der kleine Fehler im Geldsystem
Von Gerd Klünder - JUN 2021

Die CDU, die Abgrenzung zur AfD und jetzt auch noch Hans-Georg Maaßen
Von Gerd Klünder - MAI 2021

Laschet contra Söder - Ein Riss in der Matrix ?
Von Gerd Klünder - APR 2021

Edward Snowden - Permanent Record
Von Gerd Klünder - DEZ 2020

Krise des Islam ?
Von Gerd Klünder - NOV 2020

 


Der kleine Fehler im Geldsystem
Von Gerd Klünder

Spätestens seit der Finanzkrise 2009 wird wieder über unser, das westliche Geldsystem diskutiert. Kein Wunder – würde doch ein Kollaps den Alltag sofort zum Erliegen bringen und die meisten Menschen innerhalb weniger Tage vor existenzielle Probleme stellen, weil es kein Geld mehr gibt, und wozu auch? Zu kaufen gibt es dann auch nichts mehr. Kein Supermarkt, kein Benzin, kein Strom, Wasser – Aus, Ende, Schluss!

Grund genug darüber nachzudenken, welcher Mechanismus im Geldsystem eigentlich immer wieder zu diesen Krisen führt. Da schlägt natürlich die Stunde der Linken, wie auch der Rechten, die beide den Feind in der Finanzindustrie verorten. Die Linken sehen sie als Motor der Ausbeutung, die Rechten als Herrschaftsinstrument einer fremden Macht. An dieser Stelle wird jetzt die Untersuchung des Geldsystems nach Funktionsfehlern als Ausgangspunkt für Angriffe auf was-auch-immer genutzt.

Im Fokus stehen dabei die Zinsen, mal als Instrument der Ausbeutung, mal zur Unterdrückung, und das ist auch fast richtig. Wir machen uns von den ideologischen Fragen mal frei und sehen einfach nach, was da auf Dauer nicht funktioniert.

Dazu sehen wir uns erst mal die „Geldschöpfung“ an: Das Recht Geld raus zu geben, hat der Staat. Er kann Geldscheine drucken und Münzen prägen und diese in Umlauf bringen. Die Zentralbank liefert dieses Geld an die Banken, bei denen wir es dann aus dem Geldautomaten ziehen können. Damit das reibungsfrei funktioniert, vergibt die Zentralbank einen Kredit an die Bank. Die Bank hat also ein Konto bei der Zentralbank, über das das Hin und Her von Bargeld verrechnet wird. Das Bargeld, was wir in unseren Hosentaschen mit uns rumtragen, was sich in den Banken befindet und die Beträge auf den Konten der Banken bei der Zentralbank sind echtes Geld. Das nennt man/frau „Geldmenge M0“. Diese Geldmenge M0 beträgt in der Eurozone derzeit etwa 1,4 Billionen Euro.

Bargeld macht natürlich nur einen kleinen Teil unseres Umgangs mit Geld aus. Damit bezahlen wir ein Eis, eine Pommes, vielleicht den Einkauf im Supermarkt oder auch mal eine Tankfüllung Benzin. Das meiste – Gehaltszahlungen, Mieten, größere Einkäufe und anderes – geht direkt über das Bankkonto. Das Geld auf dem Girokonto – Giralgeld – ist aber genau betrachtet gar kein richtiges Geld. Mit der Zahl auf dem Girokonto verspricht die Bank lediglich, diesen Betrag auf Verlangen in echtem Zentralbankgeld auszuzahlen. Diesem Versprechen glauben die Leute entweder, oder sie wissen das alles gar nicht. Auf jeden Fall reicht es aus, um den Zahlungsverkehr aufrecht zu erhalten. Meine Arbeitgeberin überweist mir also 1.500 Euro von dem Versprechen ihrer Bank und ich überweise davon 500 Euro Versprechen an meinen Vermieter und so weiter. Läuft! Die Banken verrechnen das jeden Abend untereinander – egal.

Die Gelder – nennen wir das mal so -, die auf den Girokonten liegen, heißen „Sichteinlagen“. In der Eurozone sind das derzeit ca. neun Billionen Euro, also ein Vielfaches des „echten“ Zentralbankgeldes. Entsprechend prägt das Giralgeld unser Geldsystem auch wesentlich stärker als das Zentralbankgeld. Zusammen mit dem Zentralbankgeld bilden die Sichteinlagen die Geldmenge M1. Es gibt noch M2 und M3, worin auch Sparbucheinlagen und alle möglichen Finanzprodukte enthalten sind, alles ebenfalls aus Giralgeld. Insgesamt sind in der Eurozone – M3 – knapp 14 Billionen Euro unterwegs.

Wie aber entsteht dieses Giralgeld, neun mal so viel wie „echtes“ Zentralbankgeld, das unseren Geldkreislauf im Wesentlichen bestimmt? Erstmal ist das eben ein Versprechen der Bank, die kann das also auf das Konto buchen. Das macht sie aber ja nicht einfach so. Entweder es kommt durch Überweisung oder Einzahlung von außen, oder die Bank vergibt einen Kredit, den sie auf das Konto bucht. Und der Kredit ist der springende Punkt. Nur bei der Kreditvergabe wird „Geld“ - Giralgeld – geschöpft. Die Bank schließt die Verträge und sagt dann: „Ok, jetzt gebe ich das Versprechen.“ Sie bucht die Summe einfach auf das Konto und hat damit Geld aus dem Nichts „geschöpft“, „ex nihilo“, wie das die Bänker*innen selber nennen. Nur so, über Kreditvergaben, entsteht Geld. Das gesamte Giralgeld des westlichen Bankensystems, auch die 13,2 Billionen in der Euro-Zone, sind so „aus dem Nichts“ geschöpft worden und auch bei dem Zentralbankgeld ist das im Kern nicht anders.

Deshalb wird oft von „Schuldgeldsystem“ gesprochen, weil das gesamte Geld durch Kredite – Schulden eben – entstanden ist. Das muss uns hier aber nicht interessieren.

Das Problem des Geldsystems, besteht darin, dass bei der Kreditvergabe nur die Auszahlungssumme durch die Bank geschöpft wird und in den Wirtschaftskreislauf gelangt, während die Rückzahlungssumme durch die Zinsen höher ist. Das bringt nämlich mit sich, dass die gesamte Geldmenge stetig um den Teil der anfallenden Zinsen steigen muss, sonst ist das Geld für die Rückzahlungen gar nicht vorhanden und das System gerät ins Stocken. Da Geld aber nur durch Kreditvergaben entstehen kann, muss also das Gesamtvolumen der Kredite ständig steigen.

Abgesehen davon, dass diese höhere Verschuldung auch jemand auf sich nehmen muss – Staaten, Wirtschaft und Private – bedeutet das auch, dass die Wirtschaft ständig wachsen muss, weil nur bei Investitionen große Kredite vergeben werden. Daher der Ruf nach Wachstum, Wachstum, Wachstum, wobei jede*r weiß, dass wir die Grenzen des Planeten längst überschritten haben, und daher auch viele geopolitische Probleme, weil unser Wirtschaftssystem auf Ausdehnung angewiesen ist und ständig neue Märkte braucht. Dieses Geldsystem ist aggressiv!

Und hier setzt auch die Zinskritik ein, weil die Differenz zwischen Auszahlungs- und Rückzahlungssumme die Probleme macht und im Wesentlichen aus genau den Zinsen besteht. Allerdings werden da zwei Sachen durcheinander gebracht: Zum einen die Frage nach der Legitimität von Zinsen oder auch nach der Profitgier die dahinter steht, zum anderen das technische Problem des Geldsystems. Das hängt auch zusammen, denn der Gedanke liegt nahe, dass das „Problem“ durchaus von einigen gewollt ist. Zwingt es doch zu einem immer sich weiter entwickelnden System, mit der Aussicht auf immer größere Profite. Gleichwohl ist es zunächst sinnvoll, die Zwillinge getrennt zu betrachten.

Eine mögliche Lösung!
Über die Zinsgeschichte soll hier nicht diskutiert werden, denn das Thema ist der kleine Fehler im System mit all seinen unbekömmlichen Folgen. Und der wäre möglicherweise behebbar, indem die Banken verpflichtet werden, bei der Kreditvergabe sofort die gesamte Rückzahlungssumme zu schöpfen und nicht nur die Auszahlungssumme. Die Differenz, ihren Gewinn, könnten sie sofort auf ihr eigenes Konto buchen, davon die Angestellten bezahlten, die Renditen der Investor*innen auszahlen, das Geld eben in Umlauf bringen. So wäre jederzeit genügend Geld im Kreislauf, um jeden Kredit zurückzuzahlen. Der Wachstumszwang für Geldsystem und Wirtschaft wäre weg, die Geldmenge könnte jederzeit der Wirtschaftslage entsprechend steigen oder fallen. Die Frage ist nur, ob das durchsetzbar ist ...

Gerd Klünder
gkluender@gmx.de
 


Die CDU, die Abgrenzung zur AfD und jetzt auch noch Hans-Georg Maaßen
Von Gerd Klünder

Am 30. April hat eine Delegiertenversammlung von vier CDU-Kreisverbänden in Thüringen den ehemaligen und geschassten Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, als Direktkandidaten zur Bundestagswahl gewählt. Das löste, neben diversen Reaktionen zwischen „genüsslich“ und „entsetzt“ in anderen Parteien, auch deutlichen Schluckauf in der CDU aus. In der inzwischen üblichen Kakophonie des Chaos-Orchesters „CDU“ meldete sich alles was Rang und Namen hatte zu Wort, um in teils widersprüchlichen Formulierungen abzuwiegeln oder eine deutliche Abgrenzung Maaßens und der Thüringer CDU zur AfD zu fordern. Wieso kommt es zu diesen hektischen Reaktionen?

Erstmal ist natürlich klar, dass dieser Wiedergänger, der Zweifel an dem grundsätzlichen und wirksamen Unterschied zwischen CDU und AfD, unmittelbar nach dem Kaschperltheater zwischen Laschet und Söder, der Maskenaffäre, dem Höhenflug der Grünen und fünf Monate vor der Bundestagswahl, zur absoluten Unzeit sein Lachen erneut über die Lande wirft. Was aber genau ist so dramatisch an der Personalie Maaßen?

Hans-Georg Maaßen, CDU-Mitglied seit 1978 und Jurist, hangelte sich sein berufliches Leben als politischer Beamter an Asyl-, Zuwanderungs- und Ausländerfragen entlang und hat sich dabei einen deutlich rechtslastigen Ruf erarbeitet. Das gipfelte, als er selbst für den CSU-Innenminister Seehofer als Chef des Verfassungsschutzes nicht mehr tragbar war. Was an den Kritiken gegenüber Maaßen gerechtfertigt ist und was nicht, ist nicht Thema dieses Artikels. Klar ist, dass er in der Öffentlichkeit als Rechtsaußen der CDU mit regelmäßigen Ausflügen über die Seitenlinie und guten Kontakten zur AfD wahrgenommen wird. Dieser Mann wurde jetzt von einer Untergliederung der CDU auf das Schild gehoben.

Das Kalkül dieser Delegierten mag gewesen sein, dass mit Maaßen eine weitere Abwanderung von Wähler*innen zur AfD gestoppt oder sogar rückgängig gemacht werden kann. Die östlichen Landesverbände der CDU nehmen die AfD zu Recht als Hauptkonkurrentin und als existenzielle Gefahr wahr.

Für den wesentlich größeren Teil der CDU im Westen aber, ebenso für die CSU in Bayern, entsteht ein ganz anderes Bild: Die tendenziell rechten Wähler*innen, die bis zum Aufkommen der AfD stets ein sicheres Klientel der Union waren, sind längst zur AfD abgewandert. Jetzt muss die Union die Gunst der verbleibenden Wähler*innenschaft gegen die Grünen verteidigen und das ausgerechnet dort, wo diese stark sind, nämlich in den Ballungsräumen. Dort hat sich in 16 Jahren Merkel-Regierung auch ein CDU-nahes Hipster-Klientel gebildet, das aber liberal denkt und von den AfD-Avancen im Osten deutlich abgeschreckt wird.

Insgesamt ergibt sich das Bild einer janusköpfigen CDU, die mit ihren rechten Tendenzen im Osten die liberalen Wähler*innen im Westen und mit den aufgeschlossenen Versuchen im Westen die Klientel im Osten verliert. Die einzige Lösung wäre, die rechte Wähler*innenschaft aufzugeben, sie der AfD zu überlassen und sich mit einer konsequent modernen und liberalen Politik ganz auf die Konkurrenz mit den Grünen zu konzentrieren. Das aber wird in dem derzeit völlig zerstrittenen Haufen nicht möglich sein und schon gar nicht mitten im Bundestagswahlkampf.

Die nächste Kanzlerin wird nicht Laschet heißen!

Gerd Klünder
gkluender@gmx.de
 


Laschet contra Söder - Ein Riss in der Matrix ?
Von Gerd Klünder

Eine gerne von Verschwörungstheoretiker*innen erhobene Behauptung lautet, Regierungsbetriebe, wie etwa in Berlin, seien nichts anderes als ein gesteuertes Polittheater der wirklichen und geheimen Inhaber*innen der Macht, letztendlich der Protagonist*innen der internationalen Finanzindustrie.

Diese Regie, falls es sie gibt, scheint aber bei dem Kandidaten-Beef zwischen Laschet und Söder so gründlich versagt zu haben, dass dieses Versagen der unterstellten Machtfülle und Zielgerichtetheit absolut widerspricht, solange man/frau davon ausgeht, dass den maßgeblichen Kreisen eine CDU-geführte Regierung in Deutschland grundsätzlich am liebsten ist.

Eine andere Interpretation könnte natürlich auch sein - und diese Interpretation spielt in der Conspiration-Szene durchaus eine Rolle - dass die Regie derzeit eine Fortsetzung des Regierungstheaters unter grüner Führung favorisiert. Ziel dieser Storyline wäre demnach, die Weltbevölkerung mithilfe des Schreckgespenstes einer erfundenen Klimakatastrophe zu disziplinieren und so einen flächendeckenden materiellen Verzicht durchzusetzen, damit für die Superreichen mehr übrig bleibt.

Klingt denkbar, würde aber auch bedeuten, die Herren Söder und Laschet wären angewiesen worden, sich zwei Wochen lang vor den Augen der Öffentlichkeit - des geneigten Publikums also - gründlich zu zerfleischen und sich und die eigene Partei so unmöglich und unwählbar zu machen. Kann der Gehorsam der beiden Darsteller so weit gehen, die Existenz der Union für die Storyline mittelfristig aufs Spiel zu setzen?

Vermutlich ja, wenn die Regie ausreichend kompromittierendes Material gegen die Herren in der Hand hat, was ja ohnehin die Voraussetzung dafür ist, für solche tragenden Rollen überhaupt in Frage zu kommen.

Aber wie tief in den Parteiapparat - in das Ensemble - hinein muss orchestriert werden, um das gewünschte Ergebnis auch zu erreichen? Da haben sich Kreisvorstände und ähnliches Fußvolk zu Wort gemeldet. Oder reicht es, wenn die Protagonisten für Chaos sorgen und der Rest ist eben Impro-Theater, was nur zur Authentizität der Vorstellung beiträgt?

Ist denn der Einfluss auf die zukünftigen Regierungs-Darsteller*innen bereits sicher gestellt?

Vermutlich ja, wenn die Regie ausreichend kompromittierendes Material gegen die Damen und Herren in der Hand hat, was ja ohnehin die Voraussetzung dafür ist, für solche tragenden Rollen überhaupt in Frage zu kommen.

Okay - geben wir´s auf! Jedes unwahrscheinliche vermutete Detail des Spiels hinter den Kulissen kann auch als Beweis für die Stärke der Regie interpretiert werden. Um so unwahrscheinlicher desto besser und selbst mögliche Risse in der Matrix sind gewollt, denn sie beweisen im Zweifelsfall ja, dass es keine Regie gibt.

Da wird ein Philosoph zur grünen Führungsfigur aufgebaut, der vor Authentizität nur so sprüht und seine Motivation und seinen geistigen Unterbau seit längerer Zeit schlüssig in Büchern darlegt? Zusammen mit einer jungen und bisher kaum in Erscheinung getretenen Abgeordneten, die jetzt Kanzlerin wird? Unwahrscheinlich? Ja nee, genau das ist ja der Beweis dafür, dass das so stimmt. Einfach ein perfektes Casting, das ja auch perfekt hingehauen hat.

„Wer´s glaubt wird selig“ setzt einen Bezug zur Religion. Und genau das ist es: Ein geschlossener Raum mit einem konsistenten Weltbild, in dem man/frau sich pudelwohl fühlen kann. Wer es schafft, daran zu glauben, ist erleuchtet durch den Besitz der Wahrheit, die nur Eingeweihte kennen, die endlich eine Erklärung für dieses beängstigend undurchschaubare Geschehen bietet und die in der heiligen Gemeinde der Gläubigen immer Bestätigung findet.

Es bleibt der Neid derjenigen, die entweder zu dumm oder zu voreingenommen sind, das zu durchschauen.

Gerd Klünder
gkluender@gmx.de
 


Edward Snowden - Permanent Record
Von Gerd Klünder

Buch gelesen, Tor-Browser eingerichtet, Emails verschlüsselt. So lautet das Fazit nach der Lektüre der Memoiren des bekanntesten Whistleblowers der Welt.

Edward Snowden schildert in „seiner Geschichte“, angefangen in seiner Kindheit, über den Werdegang in Schulen und seine verschiedenen Tätigkeiten für CIA und NSA und seine Flucht über Hongkong nach Moskau, seinen persönlichen Zugang zu der heranwachsenden Digitaltechnik und die Entstehung der Gründe für seine Enthüllungen.

Auslöser für seinen „Verrat“ - dieser Begriff spielt in dem Buch eine zentrale Rolle - war die Entdeckung eines Programms, das der NSA nicht nur das möglichst weltweite Mithören von Telefonaten und Beobachten aller Internetaktivitäten ermöglicht, sondern auch der komplette Mitschnitt und die auf Dauer ausgelegte Speicherung der Daten, „Permanent Record“. So können die US-Amerikanischen Geheimdienste auf die gesammelten Daten jeder Person zurückgreifen, die in ihr Visier gerät.

Das wichtigste Motiv für Snowdens Whistleblow ist dabei nicht der Schutz seiner Privatsphäre oder der seiner Mitbürgerinnen und Mitbürger, sondern die Erkenntnis, dass diese Vorgehensweise eklatant gegen die US-Amerikanische Verfassung verstößt, damit den Auftrag, die Verfassung zu schützen, ad absurdum führt und demokratische Grundprinzipen zerstört.

Etwas langatmig ist die Beschreibung der Kindheit, ansonsten ist das Buch spannend und unterhaltsam geschrieben. Es bietet viele und sehr tiefe Einblicke in die Technik und die Vorgehensweise der Geheimdienste und auch Snowdens Gedanken zur Staatspolitik und zu seinem persönlichen Schicksal sind absolut lesenswert.

Ein „Muss“ für alle, die abends ihre Rollläden runter lassen, damit nicht jede*r ins Wohnzimmer gucken kann! Die Tatsache, dass es eine Organisation gibt, die vor jedes Fenster eine Kamera stellt, kann kein Grund sein, auf Rollläden zu verzichten und die Antwort auf die Frage „Haben sie denn etwas zu verbergen?“ muss ab sofort lauten: „Selbstverständlich alles!“.

Edward Snowden, Permanent Record, S.Fischer-Verlag.

Gerd Klünder
gkluender@gmx.de
 


Krise des Islam ?
Von Gerd Klünder

So die Diagnose der Französischen Staatspräsidenten Macron, der damit gewiss etwas Wesentliches richtig und klar macht: Der Anschlag in Nizza, die Anschläge, die Frankreich erschüttern, bei denen jedes mal ein Angriff aus islamistischen Motiven auf die westliche Lebensweise, sei es in religiösem oder kulturellem Zusammenhang, stattfindet, ist eben kein Kampf zwischen zwei Kulturen oder Religionen. Der Riss zieht sich mitten durch die islamische Welt, wie auch durch die westliche Gesellschaft.

"Krise" ist da vielleicht nicht das richtige Wort, es geht vielmehr um einen Umbruch, der natürlich auch als "Krise" im Dauerzustand gesehen werden kann. Der Islam, und das heißt eben auch, jede*r einzelne Muslim*in wird in den letzten Jahrzehnten ebenso zunehmend mit der westlichen Welt konfrontiert, wie diese selbst, und damit jede*r Einzelne mit dem Islam. Hüben wir drüben gibt es den ganzen Fächer von Reaktionen, Weltbildern, Auffassungen, wie damit umzugehen sei. Und hüben wie drüben gibt es auf der einen Seite Hardliner*innen und auf der anderen offene und auch neugierige Teile.

Und natürlich kann man/frau jetzt eine gedankliche Linie zwischen der islamischen und der westlichen Lebensweise ziehen. Das machen auf der einen Seite die islamistischen Hardliner*innen und auf der anderen die AfD oder der Front Nationál und solche Vögel. Und da zeigt sich auch schon, dass Islamist*innen und Rechtsradikale absolut gemeinsame Interessen in der Sichtweise und der Interpretation haben.

Und entsprechend kann die Linie eben, anstatt senkrecht, zwischen Islam und Westen, auch waagerecht gezogen werden, wodurch klar wird, dass die Auseinandersetzung zwischen den liberalen und den reaktionären Kräften stattfindet, egal ob Islam, Christentum, westliche Welt oder sonst was. Das ist auch der Grund dafür, dass viele unserer Nachbar*innen, die Muslime sind, mit all dem nichts zu tun haben und auch nicht zu tun haben wollen. Da gibt es die Linie zwischen Islam und westlicher Welt nämlich nicht. Die leben islamisch in der westlichen Welt und fühlen sich pudelwohl dabei. Das einzig Nervige sind die Auseinandersetzungen zwischen den liberalen und den radikalen Kräften auf beiden Seiten.

Und da hat Macron recht, wenn er darauf hinweist, dass dies eben keine Auseinandersetzung zwischen Westen und Islam, sondern vor allem eine Auseinandersetzung innerhalb des Islam ist, bei der wir die liberalen Kräfte unterstützen und mit ihnen zusammenarbeiten müssen. Denen wir auch sagen müssen, dass wir sie jetzt brauchen, eben genau in der Auseinandersetzung mit den radikalen Kräften, völlig egal ob Westen oder Islam oder sonst was. Wir stehen auf einer Seite! Und da hat er eben auch Unrecht, denn es ist keine "Krise des Islam", sondern es ist ein Umbruch, der auch nicht nur im Islam stattfindet, sondern auch in den westlichen Gesellschaften. Wir müssen diese Auseinandersetzung gemeinsam mit allen liberalen Kräften gegen die Interessengemeinschaft von AfD, Islamisten und Front National, genauso in Europa, wie auch in der islamischen Welt und mit unseren französischen Freundinnen und Freunden führen.

Gerd Klünder
gkluender@gmx.de

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